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06.11.2017 Wanzleben und Oschersleben [Dokumentation Unterbringung]

Im Rahmen des AMIF-Projektes „Landesinfostelle Flucht und Asyl“ haben wir am 06. November 2017 Besuche und Gespräche zur Unterbringungs- und Betreuungssituation von geflüchteten Menschen im Landkreis Börde mit der zuständigen Fachdienstleiterin für den Bereich Migration, der Sachgebietsleiterin für den Bereich Soziales, dem im Landkreis zuständigen Mitarbeiter für die Unterbringung, der Integrationskoordinatorin des Landkreises, Leiter*innen der Unterbringungseinrichtungen, den Eigentümern einer der Einrichtungen, Betreuer*innen und Bewohner*innen geführt.

Wir möchten uns für die Unterstützung unserer Besuche durch die zuständigen Stellen bedanken, insbesondere bei unseren Gesprächspartner*innen, die sich Zeit für sehr konstruktive Gespräche genommen und uns alle Fragen beantwortet haben.

Im Folgenden fassen wir unsere Eindrücke aus den Besuchen der Unterkünfte in Wanzleben und Oscherlsleben sowie den Gesprächen zusammen, benennen eventuell sich uns darstellende Problemlagen, leiten daraus Empfehlungen und gegebenenfalls auch Forderungen zur Verbesserung der Lebenssituation geflüchteter Menschen im Landkreis Börde ab.

Bei der Unterkunft in Wanzleben handelt es sich um eines der ersten sogenannten Übergangswohnheime (ÜWH) in Sachsen-Anhalt, die bereits in Anlehnung an den bisher als Entwurf vorliegenden „Leitfaden für Aufnahmekommunen zur Unterbringung, Leistungsgewährung sowie Beratung und Betreuung von anerkannten Schutzsuchenden“ des Ministeriums für Inneres und Sport in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit und Soziales und der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit1 in einigen Landkreisen entstehen. Die Eigentümer*innen des Gebäudes in Wanzleben hatten die ehemalige Hotelfachschule 2015/2016 als Notunterkunft für Asylantragstellende an den Landkreis vermietet und betreiben seit 2017 die Einrichtung als Übergangswohnheim für Personen mit Schutzanerkennung mit einer Kapazität von 176 Plätzen. Zum Zeitpunkt des Besuchs lebten in der Einrichtung 56 alleinreisende Männer, drei alleinreisende Frauen und einige wenige Familien, darunter insgesamt sieben Kinder. Die Eigentümer*innen sind ebenfalls für die Sozialbetreuung vor Ort zuständig.

 

Die drei sogenannten Gemeinschaftsunterkünfte in Oschersleben werden vom Malteser Hilfsdienst betrieben, die auch für die Sozialbetreuung vor Ort verantwortlich sind. Es handelt sich dabei um eine Einrichtung für Familien und alleinreisende Frauen mit einer Kapazität von ca. 60 Plätzen sowie zwei weitere Unterkünfte für alleinreisende Männer mit einer Kapazität von jeweils 60 Plätzen. Die Männer werden entsprechend ihres Herkunftslandes einer der beiden Unterkünfte zugewiesen.

Die Erreichbarkeit der Innenstadt von den Unterkünften aus ist sowohl in Wanzleben als auch in Oscherleben gegeben. Es besteht eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), auch nach Magdeburg. Die Randlage der Unterkunft in Wanzleben und die Blockunterbringung an beiden Standorten, vor allem die Unterbringung in Containern in einer der Einrichtungen für alleinreisende Männer in Oschersleben, vermitteln dennoch keinen integrativen, sondern vielmehr einen stigmatisierenden Eindruck. Für Oschersleben ist die zentrale Lage mitten in der Stadt positiv hervorzuheben.

Im ÜWH in Wanzleben sind ausschließlich Personen untergebracht, die bereits eine Aufenthaltserlaubnis haben. Die meisten der Bewohner*innen kommen direkt aus den Erstaufnahmeeinrichtungen in Halberstadt oder Magdeburg. Sofern nicht direkt eine eigene Wohnung bezogen werden kann, wird durch die Zuweisung in das ÜWH Schutz vor Obdachlosigkeit gewährleistet. Darüber hinaus soll dort ebenfalls eine erste Orientierung ermöglicht werden.
Die Kostenübernahme erfolgt durch das Jobcenter. Die anfallenden Kosten übersteigen nach Auskunft der Verantwortlichen aktuell den Regelsatz des Jobcenters. Darüber hinaus werden die Kosten für die Sozialbetreuung in dem ÜWH zum Zeitpunkt des Besuches ausschließlich durch den Landkreis getragen.
Im ÜWH in Wanzleben sind sowohl Einzelzimmer mit WC und Dusche als auch Mehrbettzimmer für bis zu drei Personen vorhanden. Bei Familien wird auf Möglichkeiten gemeinsamer Zimmernutzung geachtet. Insgesamt stehen den Bewohner*innen drei Küchen zur gemeinschaftlichen Nutzung, zwei Gemeinschaftsräume, Gemeinschaftsduschen und Toiletten sowie ein von 08:00-20:00 Uhr offen zugänglicher Waschraum zur Verfügung.
Positiv hervorzuheben ist die engagierte Sozialbetreuung, eine große Infotafel mit vielen, auch mehrsprachigen Hinweisen über Beratungsangebote und mögliche Aktivitäten, eine 24 Stunden besetzte Rezeption am Eingang, der gemeinschaftlich genutzte Gartenbereich, ein sehr großer und gut ausgestatteter Gemeinschaftsraum und eine ebenfalls große und gut ausgestattete Küche, die von den Bewohner*innen tagsüber und nach Absprache genutzt werden können. Kontakte mit der Bevölkerung vor Ort finden nach Auskunft der Betreuer*innen punktuell über Sportvereine, Nutzung der Angebote vor Ort wie Sportstätten, Soziales Zentrum usw. statt.

Nach Post muss jeweils individuell täglich an der Rezeption gefragt werden. Hier empfehlen wir zumindest den täglichen Aushang von Namenslisten der Personen, die Post erhalten haben. Wünschenswert ist hier vielmehr die Installation von personalisierten Briefkästen. Zugangshürden zur eigenen Post sollten nicht bestehen bzw. möglichst minimiert werden. Diese Hürden können bereits durch die Notwendigkeit verbaler Kommunikation entstehen und lassen sich übergangsweise mittels geringen Aufwands durch Listenaushang vorbeugen.

Positiv hervorzuheben ist, dass in dem Gebäude in Wanzleben Einzelzimmer mit eigenem WC und Dusche z.T. vorhanden sind und dass den dort lebenden alleinreisenden Frauen möglichst Einzelzimmern zugewiesen werden.
Problematisch sehen wir allerdings, dass keine Möglichkeit besteht die gemeinschaftlich genutzten Duschen abzuschließen. Bei höheren Belegungszahlen sollen Frauen auch wieder in gemeinschaftlich genutzten Mehrbettzimmern untergebracht werden, was die Nutzung der gemeinschaftlich genutzten Sanitäranlagen zur Folge hat.
Generell erachten wir es für zwingend notwendig, dass hier der Schutz der Privatsphäre sichergestellt wird, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt vorbeugender Maßnahmen im Sinne von Gewaltprävention.2 Eine Nachbesserung erachten wir als unbedingt notwendig. Auch wenn die Sozialbetreuer*innen bislang noch von keinen Vorfällen Kenntnis erhalten haben, kann allein die Möglichkeit einer Übergriffshandlung die Privatsphäre und das Sicherheitsgefühl erheblich einschränken, vor allem angesichts dessen, dass die Vorgeschichte der dort lebenden Menschen ggfs. eine erhöhte Sensibilität erforderlich macht. Um unnötige Stresssituation und z.B. (Re-)Traumatisierungen auszuschließen, sollte hier schnellstmöglich gehandelt werden.

Wünschenswert wäre hier ebenfalls das Angebot der Unterbringung der Frauen in einem getrennten Bereich z.B. auf einem Flur oder einer Etage der Unterkunft, so dass hier ein Schutzraum durch räumliche Trennung erfolgt.
Darüber hinaus ist positiv, dass darauf geachtet wird, Familien schnellstmöglich den Umzug in eine eigene Wohnungen zu ermöglichen. Besonders für schulpflichtige Kinder bietet eine Wohnheimsituation kein geeignetes Lernumfeld. Laut Einschätzung der Verantwortlichen des Landkreises finden Familien meist leichter und schneller eine Wohnung im Landkreis Börde.
Laut Mitarbeiter*innen des Landkreises wird in Absprache mit dem Jobcenter auch darauf geachtet, dass Bewohner*innen mit einer Anstellung baldmöglichst in eine eigene Wohnung umziehen können.

Sowohl in der Unterkunft in Wanzleben als auch den Unterkünften in Oschersleben besteht aktuell kein gemeinschaftlich nutzbarer WLAN-Zugang. Da die Nutzung des Internets jedoch für alle Belange des alltäglichen Lebens mittlerweile unerlässlich ist, so z.B. für die Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, Integrationsangebote, Beratung, Informationsmaterialien, sehen wir die Einrichtung eines kostenlosen WLAN-Zugangs aus integrationspolitischen Erwägungen für notwendig.

Aktuell besuchen die meisten der Bewohner*innen des ÜWHs einen Integrations- oder Erstorientierungskurs, befinden sich in einer Maßnahme des Jobcenters oder gehen einer (geringfügigen) Beschäftigung nach.
Über die durchschnittliche Aufenthaltszeit konnte keine verlässliche Angabe gemacht werden. Einige wohnen jedoch bereits seit der Eröffnung als Notunterkunft Mitte November 2015 in der Einrichtung.
Die Betreuung in Wanzleben erfolgt entsprechend des Betreuungsschlüssels für sogenannte Gemeinschaftsunterkünfte mit 1:100. Im Stellenumfang abgedeckt ist dabei nicht die Unterstützung bei der Wohnungssuche. Die Finanzierung der Sozialbetreuung im ÜWH erfolgt bislang nicht über Landesmittel, sondern muss komplett vom Landkreis getragen werden. Es bedarf dringend einer Ausfinanzierung durch das Land und vorausschauenden Planung unabhängiger Sozialbetreuung, um den Bedarfen der der neu mit Anerkennung in den Landkreis kommenden Geflüchteten gerecht zu werden. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt vor allem bei der Unterstützung der Orientierung vor Ort, Zugang zu den Beratungsangeboten, Zugang zu den Orientierungs- und Integrationskursen, Zugang zum Arbeitsmarkt, Zugang zu Kita und Schule für Kinder und Zugang zu den Informationen des Alltags sowie sozialer und kultureller Teilhabe.
Laut Entwurffassung des „Leitfaden für Aufnahmekommunen zur Unterbringung, Leistungsgewährung sowie Beratung und Betreuung von anerkannten Schutzsuchenden“ des Landesinnenministeriums wird eine Begründung für das Konzept und ein Qualitätsmerkmal darin gesehen, dass in der Einrichtung die Neuankommenden zentral mit Gruppeninformationsveranstaltungen erreicht werden können. Es sollen zielgruppenspezifisch relevante Informationen zugänglich gemacht werden und so die Menschen leichter erreicht werden. Eine Finanzierung der Organisation und Durchführung dieser Informationsveranstaltungen ist jedoch bislang nicht vorgesehen. Eine solche Gruppenveranstaltung hatte bis zu unserem Besuch auch noch nicht statt gefunden.
Die Ausgestaltung des Konzept des Landes in dieser Form fällt hinter den eigenen Ansprüchen zurück und verkommt so zu einem bloßen Verweis auf die Möglichkeit. Um diesen sinnvollen Ansatz umsetzbar zu machen, bedarf es jedoch einer entsprechend finanziellen Ausstattung und klare Benennung der Zuständig- und Verantwortlichkeiten.
Für die GUs in Oschersleben ist besonders positiv hervorzuheben, dass eine Beschwerdebox eingerichtet wurde. Auch anonyme Hinweise werden laut Aussage der Sozialarbeiter*innen berücksichtigt. Die Einrichtung einer Beschwerdebox stellt einen wichtig Schritt zu einem dynamischen Unterbringungskonzept dar, das auf die Bedarfe der Bewohner*innen reagieren kann. Die Möglichkeit Problemlagen anzusprechen, muss möglichst niedrigschwellig sein und die Anonymität der Betroffenen wahren. Dies stellt einen wichtigen Bestandteil eines Beschwerdesystems und Gewaltschutzkonzeptes dar, das auch auf Landesebene für alle Unterkünfte verbindlich zu regeln ist.
Darüber hinaus wird aktuell in Oschersleben an der Umsetzung und Gründung eines Bewohner*innenrates gearbeitet. Die Sozialarbeiter*innen stehen im Austausch mit den Bewohner*innen und überlegen gemeinsam, wie die Gründung und kontinuierliche Arbeit umsetzbar ist und auch langfristig gewährleistet werden kann. Die Initiative und Sensibilität der Sozialarbeiter*innen ist sehr begrüßenswert. Diese Maßnahmen sollten unbedingt in allen Unterkünften umgesetzt werden und sind momentan leider auch landesweit noch die Ausnahme.
Ebenfalls positiv zu bewerten ist die in Oschersleben kontinuierlich arbeitende AG Willkommenskultur, bei der laut Aussage der Sozialarbeiter*innen und Landkreisverantwortlichen die lokalen Akteur*innen gut zusammenarbeiten und stabile Strukturen etabliert haben, die auf aktuelle Bedarfe reagieren. Die kulturellen Angebote werden von den Bewohner*innen der Unterkünfte entsprechend gut angenommen.

Problematisch ist jedoch, dass auch in den GUs in Oschersleben kein kostenloses WLAN zur Verfügung steht. Darüber hinaus haben einige der Bewohner*innen darauf hingewiesen, dass die Unterbringung in den Containern durch die Hellhörigkeit extrem belastend ist. Die Folge sind zum Teil Schlafprobleme, die wiederum gesundheitliche Folgen mit sich bringen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, sich für die Vor- und Nachbereitungen der Sprachkurse ausreichend konzentrieren zu können.
Deutlich wurde aus den Gesprächen vor Ort, vor allem aus den Gesprächen mit den Bewohner*innen, dass der Umzug in eine Wohnung eines der drängendsten Themen darstellt. Den Landkreismitarbeiter*innen sind die Schwierigkeiten bekannt. An Lösungsmöglichkeiten wird gearbeitet. Es bestehen Bedarfe an ausreichend bezahlbarem Wohnraum und Unterstützung bei der Wohnungssuche. Gesamtgesellschaftlich ist es notwendig, dass sozialer Wohnungsbau nicht dem Sparzwang geopfert wird.
Darüber hinaus bestehen teilweise erhebliche Hürden und Vorverurteilungen von Seiten der Vermieter*innen gegenüber geflüchteten Menschen. Besonders Neuanmietungen von Wohnungen gestalten sich schwierig. Hier bedarf es einer offensiven Auseinandersetzung mit den Vorbehalten von Vermieter*innen, um solchen Formen der Diskriminierung entgegenzutreten. Eventuell können Gesprächsangebote mit den Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften sowie mit privaten Vermieter*innen und den relevanten Akteur*innen vor Ort im Rahmen eines Runden Tisches unterbreitet und die Erfahrungen diskutiert werden. Die Initiative des Landkreises aus den letzten Jahren Vermieter*innen direkt anzusprechen, ist begrüßenswert und sollte weiter verfolgt und ausgebaut werden. Hilfreich könnte ebenfalls die Erstellung einer Broschüre für mögliche Vermieter*innen sein, die über die rechtlichen Rahmenbedingungen aufklärt und in der häufig geäußerte Vorbehalte sensibel aufgegriffen werden.

Darüber hinaus bedarf es einer fachlichen Unterstützung bei der Wohnungssuche. Im bisherigen ÜWH-Konzept des Landes sollen die Aufgaben der Unterstützung bei der Wohnungssuche durch die Gesonderte Beratung und Betreuung übernommen werden.

Die GBB zu asylrechtlichen Belangen erfolgt im Landkreis durch die AWO. Die Mitarbeiter*innen sind einmal wöchentlich zu offenen Sprechzeiten vor Ort im ÜWH ansprechbar. Die Möglichkeit zu Einzelgesprächen ist gegeben und wird von den Bewohner*innen wahrgenommen. Zusätzliche Kapazitäten für die Unterstützung bei der Wohnungssuche bestehen durch die Mitarbeiter*innen der GBB jedoch aktuell nicht und werden momentan auch nicht durch die Sozialbetreuer*innen des ÜWH abgedeckt. Momentan besteht keine finanzierte Unterstützung bei der Wohnungssuche, die jedoch dringend erforderlich ist um schnellstmögliches Ankommen in einem eigenständigen Leben zu gewährleisten. So lange das Land die Finanzierung nicht sicher stellt, sollten die Landkreise, die sich für das Betreiben eines ÜWH entscheiden, die Unterstützung bei der Wohnungssuche absichern und parallel beim Land eine Rückerstattung erwirken. Ein selbstbestimmtes Leben ist die Grundlage für schnelle soziale Teilhabe.

Die Unterstützung bei der Wohnungssuche allein ehrenamtlichen Unterstützer*innen zu überlassen, erachten wir als problematisch. Diese Übergabe staatlicher Aufgaben an ehrenamtlich Helfende birgt einerseits die Gefahr, dass sich Unterstützende in der Art ihrer Angebote bevormundet fühlen. Diese sollten frei und nach ihren persönlichen Stärken entscheiden, in welchem Bereich sie sich einsetzen wollen. Darüber hinaus bedarf es eines kontinuierlichen Beratungsangebotes mit geschultem Personal, da die Arbeit eine gute Vernetzung vor Ort erfordert und ausreichend zeitlicher Ressourcen bedarf.

Dafür ist eine deutliche Aufstockung des Personals für die Gesonderte Beratung und Betreuung durch das Land notwendig. In der Entwurffassung des „Leitfaden für Aufnahmekommunen zur Unterbringung, Leistungsgewährung sowie Beratung und Betreuung von anerkannten Schutzsuchenden“ wird darauf hingewiesen, dass die Anzahl der Stellen der gesonderten Beratung und Betreuung angehoben werden soll. Im Sinne einer erfolgreichen Integration erachten wir einen Betreuungsschlüssel von 1:50 für angemessen. Eine sofortige Umsetzung und Finanzierungszusicherung ist umgehend umzusetzen.

Ebenso muss die Finanzierung der Sprachmittlungen durch das Land in ausreichendem Maße abgedeckt werden. Aktuell sind die vorgesehenen Mittel absolut unzureichend. Die schnelle Verständigung ist absolut grundlegend um Konflikte und Missverständnisse sowohl in den Behörden, aber auch im Alltag, vorzubeugen und ein schnelles Ankommen am neuen Wohnort zu ermöglichen.

Sehr zu begrüßen ist, dass der Landkreis aktuell an einem eigenen Integrationskonzept arbeitet. Über die Netzwerkstelle ehrenamtliches Engagement findet eine Koordinierung und Vernetzung mit den Integrationskoordinator*innen des Landkreises statt. Hingewiesen wurden wir darauf, dass momentan noch Ehrenamtslots*innen für Wanzleben und Haldensleben fehlen. Eine schnelle Behebung wird angestrebt und wurde zugesichert.
Ebenfalls positiv ist die Entscheidung des Landkreises, dass trotz des erheblichen Drucks durch die Landesbehörden, die Abschiebezahlen zu erhöhen, keine Sachleistungen bzw. Gutscheine statt Bargeld ausgezahlt werden. Diese Praxis in anderen Landkreisen und kreisfreien Städten hat eine erhebliche Einschränkung der Freiheit und Lebensqualität der Menschen zu Folge.
Begrüßenswert sehen wir die Initiative des Landkreise sich für die Umsetzung von Maßnahmen im Rahmen der ESF-Integrationsrichtlinie des Bundes für gezielte Beratung zur Arbeitsmarktintegration einzusetzen. Wichtig wäre hier auch die Unterstützung dieser Anstrengungen durch die Landesregierung, um möglichst in allen Landkreisen ausreichende Angebote zur Verfügung zu stellen.
Ebenfalls sehr positiv werden die Effekte der vom Landkreis angebotenen niedrigschwelligen Sprachkurse bewertet. Die Nachfrage ist auf konstant hohem Niveau, so dass aktuell Wartelisten geführt werden. Bedarf äußerten die Landkreisverantwortlichen an einer Klärung des Teilnehmendenkreises an Sprachkursen nach der Sprachkursrichtlinie des Landes. Die Förderung der Teilnahme von Geduldeten ist aus Sicht des Landkreises nicht ausreichend klar formuliert.

Auch bei den Integrations- und Orientierungskursen ist die Nachfrage und Teilnahme konstant hoch. In den Gesprächen mit einigen Bewohner*innen wurden wir darauf hingewiesen, dass eine Absicherung der Kinderbetreuung beim Besuch der Erstorientierungskurse nicht gewährleistet ist. Dies hat zur Folge, dass häufig Frauen dann nicht an den Kursen teilnehmen können.

In diesem Zusammenhang wird ebenfalls auf die Problematik der unzureichend vorhandenen Kita-Plätze hingewiesen. Hier wird mit Wartelisten gearbeitet.
Diese Problemlagen müssen dringend behoben werden, da sich daraus erhebliche Nachteile für die dadurch folgende Integration ergeben, von der in den meisten Fällen Frauen betroffen sind. Einer strukturellen Benachteiligung kann hier durch die Absicherung der Kinderbetreuung vorgebeugt werden. Das für die Sprach- und Orientierungskurse verantwortliche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) muss die finanzielle Absicherung gewährleisten. Sofern diese aktuell nicht sicher gestellt wird, bedarf es jedoch der Übernahme von Verantwortung bis zur Klärung durch das Land und die Landkreise bzw. kreisfreien Städte. Die Folgen für die Betroffenen sind zu erheblich, als dass hier eine Entscheidung aufgeschoben werden kann.

Zur Situation in den Schulen wird uns von guten Erfahrungen mit dem integrativen Konzept von gemischten Klassen und teilweiser Auslagerung des Sprachunterrichts in extra Sprachförderklassen berichtet. Es wird darüber hinaus jedoch ein sehr großer Bedarf an Sprachlehrkräften festgestellt und die Notwendigkeit von dauerhaft abgesicherter Schulsozialarbeit, so auch die Institutionalisierung von Vertrauenspersonen in Schulen. Hierfür wird die gesetzliche Verankerung dieser Strukturen für zwingend und längst überfällig erachtet. An dieser Stelle zu sparen kann erhebliche negative Folgen für das gesamtgesellschaftliche Gefüge und die Perspektiven der Menschen haben, die schwer wieder einzufangen sind.

Grundsätzlich wird ein Angebot vom Land eines moderierten Austauschs der Landkreise und kreisfreien Städte zu Integrations- und Unterbringungskonzepten als hilfreich und sinnvoll erachtet.

Aus den genannten Eindrücken und Problemlagen leiten sich für uns folgende Handlungsempfehlungen und Forderungen ab:

  • Vorrang und Ausbau der dezentralen Unterbringung und des selbstbestimmten Wohnens gegenüber der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften und Übergangswohnheimen,
  • Ausbau des sozialen Wohnungsbaus sowie Gespräche mit Vermieter*innen und Wohnungsgesellschaften, um Vorbehalte möglichst auszuräumen,
  • Finanzierung der Unterstützung bei der Wohnungssuche durch Aufstockung der Stellen für die Gesonderte Beratung und Betreuung,
  • abschließbare Sanitäranlagen und Umsetzung eines Gewaltschutzkonzeptes,
  • WLAN-Zugang in den GUs und ÜWH,
  • Ehrenamtslots*innen für Wanzleben und Haldensleben,
  • ausreichende Kita-Plätze sowie Absicherung der Kinderbetreuung während der Teilnahme an Erstorientierungs, und Integrationskursen,
  • Absicherung der Schulsozialarbeit und Vertrauenspersonen,
  • Umsetzung von Maßnahmen im Rahmen der ESF-Integrationsrichtlinie des Bundes für gezielte Beratung zur Arbeitsmarktintegration,
  • auf Landesebene bedarf es eines verbindlichen Konzeptes für Übergangswohnheime, in dem auch die Finanzierung klar geregelt wird,
  • regelmäßiger Austausch der Landkreise und kreisfreien Städte zu Integrations- und Unterbringungskonzepten.
1 Darin wird „empfohlen, Personen, denen eine humanitärer Schutzstatus zuerkannt worden ist, zeitlich begrenzt in Übergangswohnheimen unterzubringen. Die Unterbringung im Übergangswohnheim kann nur ein Angebot sein. Hierunter sind Unterkunftsformen zu verstehen, in denen dieser Personenkreis von qualifizierten (sozialpädagogischen) Fachkräften mit verschiedenen Beratungsangeboten unterstützt wird.“, Ministeriums für Inneres und Sport in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit und Soziales und der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit : Leitfaden für Aufnahmekommunen zur Unterbringung, Leistungsgewährung sowie Beratung und Betreuung von anerkannten Schutzsuchenden des, S. 5, vorläufige Fassung 2016.
2 Siehe Punkt 3 der Anlage 1 der Leitlinie für die Unterbringung und soziale Betreuung von nicht dauerhaft aufenthaltsberechtigten Ausländern, RdErl. des MI vom 15.01.2013 sowie Studie von UNICEF und BMFSFJ, Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften, 2017, https://www.unicef.de/download/144248/8115ef88038eb2b10d7f6e1d95b6d96d/mindeststandards-zum-schutz-gefluechteter-menschen-in-fluechtlingsunterkuenften-unicef-2017-data.pdf (zuletzt eingesehen am 21.02.2018).

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