20.04.2016, Stedten

In Stedten besuchten wir die Gemeinschafts- bzw. Sammelunterbringung (GU). Vor Ort konnten wir Gespräche mit Bewohner_innen, Ehrenamtlichen und Unterstützer_innen aus Stedten und Röblingen am See führen. Ein Gespräch mit der Heimleitung fand leider nicht statt. Für Belegung und Kapazitäten der GU beziehen wir uns daher auf das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt: dessen Zahlen sprechen im Februar 2016 von einer Belegung zu 170 Personen bei einer Kapazität von 160. Weitere Zahlen und Kenngrößen zur GU müssen wir schätzen bzw. hochrechnen.

 

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Zur Betreuungssituation in der GU: Wir konnten feststellen, dass eine grundlegende Betreuung der Bewohner_innen sichergestellt ist. Einen Betreuungsschlüssel können wir nicht nennen, da wir die Zahl der angestellten Betreuer nicht in Erfahrung bringen konnten. Eine soziale Betreuung mit entsprechender Qualifikation der Betreuungsperson und damit verbundenen Beratungsangebot – im Sinne der Leitlinien zur Unterbringung und Betreuung zum Landesaufnahmegesetz – findet nicht statt. Dieser Zustand ist in unseren Augen nicht hinnehmbar: Fachlich geschulte und erfahrungsgesättigte Sozialbetreuung ist unerlässlich für eine konfliktfreie und menschenwürdige Unterbringung, gerade in den beengten Verhältnissen der GUs. Es ist wichtig, dass den bestehenden Betreuern mindestens ein_e weitere_r Kolleg_in mit den entsprechenden Qualifikationen zur Seite gestellt wird. Als problematisch beurteilen wir schließlich den Umstand, dass die derzeitigen Betreuer ausschließlich männlich zu sein scheinen. Da auch Frauen in Stedten untergebracht sind, ist es für eine vertrauensvolle Ansprache der sozialen Betreuung wichtig, auch weibliche Betreuerinnen vor Ort zu haben.

 

Beim Zugang zu Informationen über Asylverfahren, Aufenthalt und Ankommen in der BRD, zur ärztlichen Versorgung und Weiterem haben wir große Defizite feststellen müssen. Die meisten der Bewohner, mit denen wir sprachen, hatten keinerlei Wissen über den Ablauf ihres Asylverfahrens oder ihre Rechte während der Sammelunterbringung und verbrachten die Tage daher buchstäblich mit Warten. Dieser Zustand bedingt eine integrationshinderliche Passivität seitens der geflüchteten Menschen und ist im Widerspruch zum Landesaufnahmegesetz, nach dem zur Aufnahme auch Beratung gehört. Die bloße Verfügbarkeit von Beratung (die in den Strukturen der Stedtener GU vielleicht gegeben sein mag) reicht in unseren Augen allerdings nicht aus, denn Beratung muss auch bei der Zielgruppe als solche ankommen – was in Stedten offenbar nicht der Fall ist. Zudem sind vor Ort keine Aushänge und kein Zugang zu Informationen, die für die Bewohner_innen wichtig wären, vorhanden. Selbst das Vorhandensein von den Migrationsberatungsstellen, welche nur mit Bus oder Kfz der Betreuer erreichbar sind, waren den befragten Bewohner_innen nicht bekannt. Erschwerend hinzu kommt, dass es in Stedten keinen allgemeinen Zugang zum Internet gibt. Wir erwarten, dass Landkreisverwaltung, Sozialamt und Heimleitung dafür einsetzen, dass dieser desolate Zustand so schnell wie möglich aufgebrochen wird. Als Flüchtlingsrat sind wir selbstverständlich bereit, dabei beratend zur Seite zu stehen und Empfehlungen für Informationsmaterial oder Referent_innen zum Thema zu geben. In diesem Zusammenhang möchten wir sagen, dass es für die GU Stedten in vielerlei Hinsicht von Vorteil wäre, wenn sich ein Heimbeirat gründete. Durch ein solches Gremium ließen sich einige der im Folgenden besprochenen Konfliktlinien und Defizite abmildern.

 

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Die Unterkünfte sind in mittlerem bis gutem Zustand. Es gibt einen gesonderten Küchenraum, der eine Grundausstattung zum Kochen aufweist. Wir zählten 5 Herde und 4 Waschbecken. Die Sanitäranlagen sind modern und reinlich. Wir konnten nicht alle Sanitärräume begutachten, doch eine Hochrechnung ergibt eine Gesamtzahl von 24 Waschbecken, 20 Toiletten und 20 Duschen. Bedenken haben wir beim Umfang der Kochplätze und Küchenwaschbecken, die im Verhältnis zur Kapazität sowie der tatsächlichen Belegungszahl der Unterbringung zu wenige sind. (Für 170 Personen bräuchte es 17 Herde, 17 Spülbecken und Kühlraum von 20 Litern pro Person.)

 

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Zum Zeitpunkt unseres Besuchs waren in Stedten vor allem Menschen aus dem Iran und Afghanistan untergebracht. Durch einzelne Bewohner haben wir von wiederkehrenden Konflikten erfahren, die zu Teilen auf negative Erfahrungen der Bewohner_innen in ihren Herkunftsstaaten zurückführbar sind. Größeren Anteil hat nach Auskunft der Bewohner jedoch die Beengung in der Unterkunft, die bedingt, dass es Streitparteien nur schwer möglich ist, einander aus dem Weg zu gehen. Einer der Bewohner hat uns zudem von Mobbing und Bedrohungen innerhalb der Unterkunft berichtet; dies deckt sich mit den Berichten von Ehrenamtlichen und unabhängigen Beratungsstellen. In diesem konkreten Fall ist es von höchster Wichtigkeit, eine räumliche Trennung durch Wohnungsunterbringung herbeizuführen, um der Bedrohungslage und psychischen Belastung der Betroffenen entgegenzuwirken.

 

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Die Gemeinschaftsunterkunft Stedten liegt auf dem Gelände eines Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer Halle, ist vom restlichen Gelände jedoch durch Zaun und Tor getrennt und über eine gesonderte Zufahrt zu betreten. Vom Ort aus gesehen ist das Gebäude einigermaßen gut zu erreichen, Kontakt mit Anwohner_innen aus Stedten ist prinzipiell möglich. Stedten selbst ist jedoch ein tendenziell abgeschiedener Ort, insbesondere für Menschen, die über kein privates Kfz verfügen. Die nächste Haltestelle des Nahverkehrs ist Berichten von ehrenamtlich Engagierten zufolge über 1,5 km entfernt gelegen, für den Erwerb von eine Lebensmitteln sind 2,5 km zurückzulegen. Für die Bewohner_innen der Unterkunft bedeutet das in der Tat einen Isolationseffekt. Diesem könnte durch einfache Maßnahmen wie einem zusätzlichen Busstopp in Stedten entgegengewirkt werden; entsprechende Bestrebungen seitens Ehrenamtlicher aus Stedten scheinen allerdings nicht zu fruchten. In solchen Fällen zivilgesellschaftlichen Engagements zur Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen wünschen wir uns mehr Sensibilität seitens der Betreiberfirmen des Nahverkehrs sowie unterstützendes Handeln seitens des Landkreises.

Mit Blick auf beide Problemfelder – konfliktstiftende Beengnung in der Unterkunft einerseits, räumliche Isolation und schlechte Anbindung andererseits – erscheint langfristig ein Ausbau des sozialen Wohnungsbau sinnvoll, um den Bedarf an entsprechenden Wohnungen für die gesamte Bevölkerung sicherzustellen.

 

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Wir konnten erfahren, dass in der GU Stedten Räume für (Deutsch-)Unterricht sowie ein Fahrradraum/-werkstatt zur Verfügung stehen. Solche Initiativen begrüßen wir selbstverständlich. Etwas enttäuschend ist allerdings der Umstand, dass es wohl wiederholt Probleme beim Zugang für Bewohner_innen und ehrenamtliche Lehrer_innen zu den betreffenden Räumen gab. Wir sind optimistisch, dass sich hier ein konstruktiver Weg finden lässt, etwa durch Vertrauenspersonen unter den Bewohner_innen, die über Schlüssel verfügen.

Zusammengefasst, unsere Vorschläge und Forderungen an den Landkreis:

  • Soziale Betreuung und Beratung i.S. der Leitlinien zum AufnG vor Ort, d.i. durch Sozialarbeiter_innen mit entsprechender beruflicher Qualifikation und sprachlichen Kompetenzen müssen bereitgestellt werden
  • Der Zugang zu Informationen muss sichergestellt und regelmäßig aktualisiert werden.
  • Es bedarf schnellerer Intervention, u.a. durch Umverteilung oder vorzeitige Wohnungsunterbringung, um Konflikten, Mobbing, Bedrohungen oder manifester Gewalt innerhalb der GU entgegenzuwirken und den Schutz der Betroffenen sicherzustellen.
  • Die zumutbaren Distanzen zwischen GU und Nahverkehrspunkten sollte überdacht werden.
  • Je nach Sachlage, können und sollten die Impulse von Ehrenamtlichen und zivilgesellschaftlich engagierten Bürger_innen unterstützt und begleitet werden.
  • Es braucht konstruktive Absprachen zwischen Heimleitung/Betreuung und Bewohner_innen (ggf. in Vertretung durch Vertrauenspersonen oder Heimbeiräte) zur Nutzung der Gemeinschaftsräume.

Weitere Ideen und Anregungen zur Verbesserung der Unterbringungssituation für die Geflüchteten finden Sie in unserer Broschüre, die als PDF hier verfügbar ist: http://www.fluechtlingsrat-lsa.de/downloads/fluera_Ankommen_Wohnen_Leben.pdf


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