19.04.2016, Bernburg

In Bernburg besuchten wir drei sogenannte Gemeinschaftsunterkünfte, die von dem Verein Flibb e.V. betrieben werden und führten Gespräche mit den Hausleitungen und Betreuer*innen.

In allen drei Unterkünften haben wir die Sozialbetreuung als sehr kompetent und engagiert wahrgenommen. Die Unterkünfte sind in einem guten Zustand, wenngleich mit einigen Unterschieden. Das ehemalige Hotel bietet viel Platz, besonders für Gemeinschaftsräume und ist gut ausgestattet. Die Situation in den beiden anderen GUs gestaltet sich wesentlich beengter, so dass die Richtlinien momentan nicht eingehalten werden. Dies betrifft die Zimmergröße sowie die Gemeinschaftsräume. Auch wenn die Richtlinien noch außer Kraft gesetzt sind, sollte schnellstmöglich zu deren Umsetzung zurückgekehrt werden – gerade angesichts der Situation, dass zunehmend nur noch Geflüchtete mit Aufenthaltserlaubnis auf die Landkreise verteilt werden und diese gleich Zugang zu Wohnungen haben. Die Lage aller GUs am Rande der Stadt erschwert den Menschen einerseits den Zugang zu den Angeboten in der Stadt, Kontakte mit Menschen in Bernburg zu knüpfen und hat andererseits immer eine stigmatisierende Wirkung für die Bewohner*innen selbst, aber auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung vor Ort. Langfristig erscheint hier ein Ausbau des sozialen Wohnungsbau sinnvoll, um den Bedarf an entsprechenden Wohnungen für die gesamte Bevölkerung sicherzustellen.

In der GU Teichweg sind die Kapazitäten mit 204 Plätzen voll ausgeschöpft. Hier leben vorrangig alleinreisende Männer. Einige alleinreisende Frauen mit Kindern sind auf einer eigenen Etage untergebracht. In der GU arbeiten zwei Sozialarbeiter*innen Vollzeit.

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In der GU Köthenschestr. sind z.Z. 113 der 125 Betten belegt. Hier leben vorrangig alleinreisende Männer und einige wenige alleinreisende Frauen. Ein Sozialarbeiter ist zugleich Leiter der Einrichtung. Problematisch ist, dass Duschen nicht abschließbar sind. Hier muss der Landkreis nachrüsten. Insbesondere weil momentan auf der Etage, wo eigentlich nur Frauen untergebracht sein sollten wegen Raummangel auch Männer in einem Zimmer leben. Für den Schutzraum der Frauen ist es unbedingt notwendig, dass Duschen abschließbar sind.

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Im ehemaligen Hotel Parforcehaus können seit vergangenem Jahr 200 Geflüchtete untergebracht werden, momentan sind 162 Betten belegt. Das Haus bietet viel Platz, u.a. für Deutschkurse, wobei noch unsicher ist, ob diese weiterhin im Haus angeboten werden können. Da in dem Haus nicht genügend Küchen vorhanden sind, können die Menschen sich nicht selbst das Essen zubereiten und entscheiden, wann sie ihre Mahlzeiten zubereiten. Sie sind auf das Catering angewiesen. Wie in allen sog. Gemeinschaftsunterkünften zeigt sich auch hier, dass der Umzug in Wohnungen schnellstmöglich gewährleistet werden muss.

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Erfreulich ist, dass es in allen GUs Zugang zum Internet bereit gestellt wird, der im ehemaligen Hotel auch kostenlos ist. Für die beiden anderen Gemeinschaftsunterkünfte besteht leider kein kostenfreier Zugang. Da der Zugang zum Internet von zentraler Bedeutung ist, sollte er allen kostenfrei zur Verfügung stehen.

Besonders problematisch erscheint uns, dass einige Bewohner*innen mit Duldung schon seit vielen Jahren in den Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. Wie uns im Gespräch mitgeteilt wurde, werden Anträge auf Umzug in Wohnungen entweder von der Ausländerbehörde gar nicht bearbeitet oder aber abgelehnt. Hier fordern wir die zuständigen Behörden auf, Lösungen im Sinne der Geflüchteten zu finden. Auch mit Duldung sollte die Möglichkeit bestehen, dezentral in einer Wohnung leben zu können. Dies wird zum Beispiel in der Stadt Magdeburg oder in Dessau weitgehend praktiziert und ist auch laut Richtlinie vom Land empfohlen. Der dauerhafte Aufenthalt in einer Gemeinschaftsunterkunft wirkt sich bei den meisten Menschen negativ auf ihre psychische und auch körperliche Gesundheit aus. Darüber hinaus verschafft das Leben in einer Wohnung in einem nachbarschaftlichen Gefüge die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und sich wieder ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Probleme scheint es vor allem bei der Vermittlung in Wohnungen, bei der Sprachmittlung und ungenügenden Betreuung zu geben.

Die Sozialarbeiter*innen in den GUs versuchen bei der Wohnungsvermittlung so gut es geht zu unterstützen. Dies gestaltet sich allerdings in der Praxis oft sehr aufwendig und schwierig, da in Bernburg nicht genügend geeigneter Wohnraum vorhanden ist oder aber bei Vermieter*innen Vorbehalte bestehen, Wohnungen an SG II-Bezieher*innen bzw. an Geflüchtete zu vermieten. Hier braucht es mehr Unterstützung durch den LK, Wohnraum zu erschließen, bei der Vermittlung, aber auch bei der Einrichtung der Wohnungen zu unterstützen. Von daher ist es sehr zu begrüßen, dass im LK eine Stelle für die Wohnungsvermittlung eingerichtet wurde. Dieses Angebot scheint den großen Bedarf jedoch nicht ausreichend auffangen zu können.

Ein großes Defizit besteht bei der Sprachmittlung. Häufig ist es problematisch, Arztbesuche zu organisieren, weil Ärzt*innen sich weigern, ohne Sprachmittlung zu behandeln. Hier braucht es einerseits mehr Bereitschaft bei den Ärzt*innen zur Behandlung von Geflüchteten, aber auch mehr Unterstützung durch den LK, Sprachmittlung zu organisieren. Dies betrifft auch die Kommunikation mit den Behörden, wie der Ausländerbehörde und dem Sozialamt. Mehr Deutschkurse, die offen für alle Geflüchteten sind, sind dringend notwendig, damit die Menschen weniger auf Unterstützung angewiesen sind und besseren Zugang zum Arbeitsmarkt finden.

Aus den Gesprächen mit den Sozialarbeiter*innen der GUs wurde deutlich, dass der Betreuungsschlüssel von 1:100 mit dem sich tatsächlich aktuell ergebendem Aufgabenspektrum zu niedrig angesetzt ist. Ein Schlüssel von 1:50 wäre notwendig, um eine angemessene Betreuung gewährleisten zu können. Besonders notwendig ist jedoch die Betreuung der Geflüchteten, die dezentral untergebracht werden. Hier scheint es noch erhebliche Defizite zu geben, was sich darin äußert, dass viele Geflüchtete bei Fragen und Problemen zurück in die GUs kommen, weil sie nicht wissen, wo sie in der Stadt Unterstützung erhalten können. Als hilfreich wurde hier das ehrenamtliche Angebot des Bernburger Montagsforum erwähnt. Es braucht allerdings auch hauptamtlicher Betreuungs- und Beratungsangebote für die Geflüchteten, die in Wohnungen leben. Wichtig erscheint auch hier, dass die Geflüchteten über die bestehenden Beratungsangebote von St. Johannis und dem Internationalen Bund informiert werden.

Aus den Gesprächen nehmen wir den Wunsch nach mehr Austausch innerhalb Bernburgs mit, der z.B. durch einen regelmäßigen Runden Tisch organisiert werden könnte, bei dem alle Akteure in der Arbeit mit und für Geflüchtete zusammenkommen. Aber ebenso wie in den anderen Landkreisen, die wir bisher besucht haben, wurde in Bernburg der Wunsch nach mehr Kommunikation zwischen den Landkreisen geäußert, um Best-Practice-Lösungen austauschen zu können.


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