Erneuter Suizidversuch in Annaburg

Antirassistisches Netzwerk Sachsen-Anhalt, 11.09.2014
Eine junge Frau aus Ni­ge­ria ver­sucht sich aus Ver­zweif­lung und Angst vor einer dro­hen­den Ab­schie­bung ge­walt­sam das Leben zu neh­men. Auch zwei ihrer vier Kin­der soll­ten dabei ster­ben. Der Ehe­mann kann den Sui­zid und den Tod der Kin­der ver­hin­dern. Die
Frau muss seit dem in­ten­siv me­di­zi­nisch be­treut wer­den. Der ge­sam­ten Fa­mi­lie droht eine er­neu­te Ab­schie­bung nach
Ita­li­en. In Deutsch­land wird ihnen auf­grund der Du­blin-Ver­ord­nung ein Asyl­ver­fah­ren ver­wehrt. Wäh­rend die ein oder an­de­re Stel­le Be­trof­fen­heit über die Dras­tik der Tra­gö­die äu­ßert, wird von den Be­hör­den nach deut­scher, bü­ro­kra­ti­scher Ma­nier die Ver­ant­wor­tung für das Schick­sal der Fa­mi­lie von sich ge­wie­sen.
Zu der Tra­gö­die kam es am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in An­na­burg (Land­kreis Wit­ten­berg). Sie ist nicht die ein­zi­ge, die das An­ti­ras­sis­ti­sche Netz­werk in Sach­sen-An­halt al­lein in den letz­ten Mo­na­ten re­gis­triert und ver­öf­fent­licht hat. Vor nicht ein­mal einem Monat be­ging ein jun­ger Flücht­ling aus dem Se­ne­gal im Lager in Hal­dens­le­ben (Land­krei­ses Börde) Sui­zid. Im Fe­bru­ar die­sen Jah­res kam es aus­ser­dem zu einem Selbst­mord­ver­such im Lager in Burg (Land­krei­ses Je­ri­chow­er Land). Und im Au­gust 2013 nahm sich ein Flücht­ling im Lager in Harb­ke (Land­kreis Börde) das Leben. Bei allen Fäl­len han­del­te es sich um Men­schen, die vor dem Hin­ter­grund völ­li­ger Per­spek­tiv­lo­sig­keit, damit ein­her­ge­hen­den De­pres­sio­nen u.ä. als auch feh­len­der the­ra­peu­ti­scher Be­glei­tung den ein­zi­gen Aus­weg im Selbst­mord sehen. Auf­fäl­lig aber ist, dass das Schick­sal der drei „al­lein­rei­sen­den“ Män­ner bei Wei­tem nicht in dem sel­ben Maß am Ge­wis­sen der bür­ger­li­chen Mitte ge­rüt­telt hat, wie es nun das Schick­sal der Frau und Mut­ter in An­na­burg tut. Auch das eine Spiel­art von Aus­gren­zung und ras­sis­ti­scher Denke.

All diese Men­schen waren/sind auf der Suche nach Schutz und einem le­bens­wer­ten Leben nach Eu­ro­pa, nach Deutsch­land ge­kom­men. Hier an­ge­kom­men als Flücht­lin­ge, im deut­schen Sprech als Asyl­be­wer­ber und Asyl­be­wer­be­rin­nen be­ti­telt, sind sie kon­fron­tiert mit einem ras­sis­ti­schen und men­schen­ver­ach­ten­dem Grenz- und Mi­gra­ti­ons­re­gime, das dar­auf aus ist, die an­kom­men­den Men­schen im Sinne der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­lo­gik nach nütz­li­chen und un­brauch­ba­ren Mi­gran­tIn­nen zu sor­tie­ren. Wer Ka­pi­tal und Wis­sen mit­bringt, darf blei­ben. Alle an­de­ren wer­den ab­ge­wie­sen, il­le­ga­li­siert oder ab­ge­scho­ben. Hinzu kommt, dass die in Eu­ro­pa an­kom­men­den Flücht­lin­ge seit dem In­kraft­tre­ten der Du­blin-Ver­ord­nung nicht mehr das Recht haben, das Land, in dem sie ihren Asyl­an­trag stel­len wol­len, frei wäh­len zu kön­nen. Al­lein 2013 hat Deutsch­land über 35.000 Mensch nach Ita­li­en, Un­garn, Spa­ni­en etc. „rück­ge­führt“. http://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl.html
Doch Men­schen las­sen sich nicht wie eine fehl­ge­lei­te­te Post­sen­dung zu­rück­schi­cken. Dies zeigt ein­mal mehr der tra­gi­sche und dra­ma­ti­sche Fall aus An­na­burg.
Und wie so oft wei­sen auch dies­mal die zu­stän­di­gen Be­hör­den die Ver­ant­wor­tung von sich, wie mit der Äus­se­rung des Stell­ver­tre­ters des Land­ra­tes von Wit­ten­berg, Jörg Hart­mann (CDU) in der MZ deut­lich wird: „Die Si­tua­ti­on bei Ab­schie­bun­gen ist „emo­tio­nal und schwie­rig“, be­ton­te Hart­mann, al­ler­dings setze die Aus­län­der­be­hör­de des Krei­ses nur um, was die Bun­des­be­hör­den, die die Fälle prü­fen, ent­schei­den.“
Er­staun­lich auch die Wort­mel­dun­gen des Su­per­in­ten­den­ten Chris­ti­an Beu­chels und der Kreis­vor­sit­zen­de der Grü­nen, Rein­hild Hu­gen­roth, im sel­bi­gen MZ-Ar­ti­kel. Seit Jah­ren kämp­fen Flücht­lin­ge im Land­kreis Wit­ten­berg für ihre Rech­te und haben wie­der­holt öf­fent­lich auf die ekla­tan­ten Män­gel bei der Un­ter­brin­gung, Be­ra­tung und Be­treu­ung von Flücht­lin­gen hin­ge­wie­sen. Un­ter­stüt­zung für ihre An­lie­gen haben sie im Land­kreis bis­her kaum be­kom­men.
Klare Worte zur Si­tua­ti­on fin­det Micha­el Mar­quardt, Ge­schäfts­füh­rer der Aus­lands­ge­sell­schaft Sach­sen-An­halt: „Die Re­geln sind so, wir kön­nen nichts ma­chen“ – die­sen Satz höre er immer wie­der, (…) „Wenn das so ist, dann sind die Re­geln falsch“, be­kräf­tigt Mar­quardt“
WIR FOR­DERN EINE AUF­HE­BUNG DER DU­BLIN-REG­LUNG UND EIN BLEI­BE­RECHT FÜR DIE FA­MI­LIE IN AN­NA­BURG! BLEI­BE­RECHT STATT AB­SCHIE­BUN­GEN! DU­BLIN-AB­KOM­MEN KIP­PEN!

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