„Unerwünscht“ – Rückblick auf die Autorenlesung mit Mojtaba und Masoud Sadinam

Quelle: Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V.

Es ist das Jahr 2001 und eine vierköpfige Schülerband aus dem westfälischen Lengerich nutzt die Abwesenheit der Eltern um zu einem Garagenkonzert einzuladen. Die Gruppe Ti-MMM gibt ihr Debüt. Über verpasste Einsätze, asynchrones Spiel und gerissene Gitarrensaiten geht alles schief was nur schiefgehen kann. Höchstpeinlich ist das Timo, Dario, Milad, Masoud und Mojtaba.

Die Fans aus Schule und Nachbarschaft jubeln trotzdem, vielleicht auch, weil sie sich „über ihre Erlösung freuen konnten“, wie Mojtaba mutmaßt.

Das ist die Anekdote, mit der Masoud und Mojtaba in die Lesung zu ihrem Buch „Unerwünscht“ am Donnerstag, 11. April im einewelt haus einsteigen. Kurz zuvor begrüßten Francoise Greve vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt und Manja Lorenz von der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt als Veranstalter die 50 interessierten Zuhörer im gut gefüllten Kleinkunstraum.

„Das ist ein Experiment“, erläutert Masoud. Sonst gingen sie chronologisch vor, doch heute wollten sie mit einem Ausschnitt starten, der zeigt „dass es auch im Leben eines Asylbewerbers Normalität und Lebensfreude gibt“ – selbst wenn Gesetze oder deren menschenunwürdige Auslegung und Behördenwahnsinn dies über 9 Jahre am Beispiel ihrer Familie stetig zu ignorieren und torpedieren versuchten.

Diese Normalität balancierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit 5 Jahren auf einem Drahtseil, seit ihrer Flucht aus dem Iran.
Die drei Brüder Sadinam und ihre Mutter Maddar mussten 1996 im Iran untertauchen, da eine politische Mitaktivistin der Mutter im Einsatz für Demokratie und Menschenrechte während einer Flugblattaktion aufgeflogen war und ihr unter Folter Maddars Name abgepresst wurde. Durch einen Schlepper gelang die Flucht, die die Familie nach Deutschland führte.

Die erste Anhörung und das daraufhin eingeleitete Asylverfahren verliefen erfolglos. Ohne anwaltliche Vertretung, keinerlei Deutsch-Kenntnissen und einem Dolmetscher, der Dari statt ihrer Muttersprache Farsi sprach, waren sie nahezu chancenlos. Nun 5 Jahre später, erstarkt durch anwaltlichen Beistand, und ein peu a peu aufgebauten sozialen Netz trotz Sammelunterkunft, Residenzpflicht und ständigem Bangen, abgeschoben zu werden, musste es im zweiten Anlauf einfach klappen. Die drei Brüder hatten sich alle von Hauptschülern zu Gymnasiasten entwickelt, die Mutter befand sich in einer Ausbildung zur Krankenschwester, man sprach inzwischen gut deutsch, fühlte sich eher in Deutschland als im Iran heimisch – und hatte ja auch keine Wahl: Die Rückkehr in den Iran hätte das Todesurteil bedeuten können.
Timo und Dario waren mitgekommen ins Landgericht Münster – mit gepackten Sachen. Wollten Sie doch, sobald ihre Freunde nicht mehr der Residenzpflicht unterlägen, die Gelegenheit und die Ferien dazu nutzen, das erste Mal gemeinsam zu verreisen.

Dann der Schock. Ein zweites Mal heißt es: Antrag abgelehnt!
Es folgte ein Klageweg durch die Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof. Ohne Erfolg. Als die Ausländerbehörde nach 7 Jahren androht, die Leistungen zu kürzen und der Mutter die Erlaubnis zur Ausbildung zu entziehen, sollte keine freiwillige Ausreise erfolgen, unternimmt Maddar einen Suizidversuch. Sie hat überlebt und wurde glücklicherweise nicht zum Opfer „perfekt organisierter Verantwortungslosigkeit“, wie Mojtaba die kleinteilige und entfremdete Funktionsweise des Behördenapparats umschreibt.

Die zwei Frage-, Diskussions- und Beitragsrunden mit dem Publikum förderten lebhaftes Interesse an dem Gehörten und auch noch nicht Gehörten im Wechsel mit Betroffenheit und Bewunderung zutage. Bewunderung, nicht resigniert zu sein und allen Widerständen zum Trotz eine selbstbewusste und erfolgreiche Biografie „hingelegt zu haben“. In solchen Momenten spürt man das tief in den Brüdern verwurzelte „Bei-sich-sein“, den unbedingten Willen, Wahrhaftigkeit zu leben und sich nicht als „Vorzeigemigranten“ vereinnahmen zu lassen. Inzwischen mit dem deutschen Pass in der Tasche, wollen sie nicht zur Galionsfigur werden für das Modell „Seht her, wer sich anstrengt kann es auch schaffen“. „Das ist zu platt“, sagt Mojtaba „allein hätten wir gar nichts geschafft“. Es sei dem Anwalt, der Flüchtlingshilfe, Freunden, Nachbarn und den sich zufällig zu ihren Gunsten veränderten Gesetzen zuzuschreiben, dass sie überhaupt noch da seien.

Sang- und klanglos über Nacht endete im Jahr 2005 das Asylbewerberleben – erfolgreich. Inzwischen war das neue Zuwanderungsgesetz in Kraft getreten, das „Gesetz zur Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung und zur Regelung des Aufenthalts und der Integration von Unionsbürgern und Ausländern“, wie es im vollen Wortlaut heißt. Vater Sadinam war Jahre später aus dem Iran geflüchtet, in Zwickau gelandet, und hat das politische Asyl bekommen. Davon sollten die Brüder als volljährige Kinder eines anerkannten Asylbewerbers profitieren und ebenfalls bleiben dürfen. Der Mutter halfen schließlich, so Mojtaba, „dutzende psychologische Gutachten, die bestätigten, dass eine Rückkehr in den Iran fatale Folgen für ihre geistige Verfassung hätte“.

Den langen Kampf um die Anerkennung des politischen Asyls haben sie letztendlich doch nicht gewonnen – das Gesetz hatte die Familie schließlich nach 9 Jahren als dazugehörig definiert.

Francoise Greve vom Flüchtlingsrat fasst nach ca. zweistündiger Lesung im Schlusswort zusammen: Eine demokratische Gesellschaft müsse sich daran messen lassen können, wie sie mit den Schutzbedürftigsten umgeht. Menschenwürde, die nach Herkunft und Status unterscheidet, würde kein gutes Licht auf das sonst auf seine demokratischen Errungenschaften stolze Europa und Deutschland werfen.

Die Lesung fand im Rahmen des Projekts „Mittendrin 2013″ mit freundlicher Unterstützung der Integrationsbeauftragten des Landes Sachsen-Anhalt und des Sozial- und Wohnungsamts Magdeburg statt.

 


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